Arbeiten 4.0:
Der Mensch im Mittelpunkt

„Die Chemie-Fabrik der Zukunft wird nicht menschenleer sein“, erklärte BAVC-Präsident Kai Beckmann anlässlich der Eröffnung des Expertendialogs WORK@industry4.0 Anfang Juli in Hannover, mit dem die Chemie-Sozialpartner gemeinsame Perspektiven auf die Arbeitswelt der Zukunft und, wo möglich, Lösungsansätze entwickeln wollen.

Die chemische Industrie und ihre Beschäftigten müssten sich aber, so Beckmann, verändern: Reaktionsgeschwindigkeit und die Fähigkeit, mit einer nie dagewesenen Transparenz (etwa auf Güter- oder Arbeitsmärkten) umzugehen, seien die zentralen Herausforderungen des digitalen Zeitalters.

Erstmals kamen in Hannover kleine gemischte Teams der Sozialpartner (sog. „Koordinierungsteams“) zusammen, die die Aufgabe haben, die relevanten Themen für verschiedene von der Digitalisierung betroffene Bereiche der Arbeitswelt zu identifizieren, Gestaltungsoptionen der Chemie-Sozialpartner auszuloten und auf dieser Grundlage Workshops vorzubereiten, mit denen die Branche auf dem Weg in die digitale Arbeitswelt mitgenommen werden soll. Zu jeder dieser Arbeitswelt-Dimensionen - zeit- und ortsflexibles Arbeiten, Aus- und Weiterbildung, gutes und gesundes Arbeiten, Führung und Organisation - legte Beckmann seine Zukunftsthesen vor. Er fasste sie in der „Vision einer Chemie-Arbeitswelt 4.0“ zusammen:

1. Arbeitszeit und Arbeitsort verlieren an Bedeutung

Das Wo und das Wann der Arbeit bleiben wichtige Orientierungspunkte. Sie verlieren aber (weiter) an Bedeutung. Was zählt, sind die Resultate. Natürlich muss bei dieser Orientierung an Arbeitsergebnissen nach Beschäftigtengruppen differenziert werden: Der Produktionsbereich wird sich nicht im gleichen Maß flexibilisieren lassen wie klassische Büroarbeit. Worauf es ankommt, ist, dass wir die „Entgrenzung“ der Arbeitswelt - ein meist negativ verwendeter Begriff - als einen Zugewinn an Freiheit verstehen lernen. Dann wird aus dem Verlust fester Arbeitszeiten und -orte die Lust an der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

2. Bildung wird noch wichtiger

Ein sich mit der Digitalisierung beschleunigendes Wirtschafts- und Arbeitsleben erfordert Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich ständig weiterentwickeln, und das heißt: weiterbilden. Gerade für eine Hightech-Branche wie die Chemie, die auf permanente Innovation angewiesen ist, ist lebenslanges Lernen so etwas wie die Existenzgrundlage. Dazu brauchen wir weiterbildungswillige Unternehmen und Beschäftigte. Es gilt, das „eherne Gesetz der Weiterbildungspraxis“ zu durchbrechen: Wer jung, wer qualifiziert ist, der lernt dazu - wer hat, dem wird gegeben! In der digitalen Arbeitswelt müssen aber alle bereit sein, sich weiterzuentwickeln: auch und besonders ältere und weniger qualifizierte Beschäftigte.

3. Gesundes Arbeiten verlangt Eigenverantwortung

Das Mehr an Freiheit, das eine digitale Arbeitswelt ermöglicht, setzt Individuen voraus, die Verantwortung tragen: für den immer selbstbestimmteren Umgang mit Arbeitszeit und -ort, für die Investitionen in die eigenen Kompetenzen, für die eigene körperliche und psychische Gesundheit. Die Beschäftigten müssen lernen, sich selbst Grenzen zu setzen, Weiterbildungsbedarfe zu erkennen und anzugehen sowie verantwortungsvoll mit ihrer Gesundheit umzugehen.

4. Führung muss „gute Führung“ werden

Jeder technologische Wandel muss immer von einem mentalen Wandel begleitet und so überhaupt ermöglicht werden. Damit nimmt das Thema „Führung“ eine Schlüsselrolle bei der digitalen Transformation der Arbeitswelt ein. Dazu müssen es die Arbeitgeber mit dem Führen aber noch viel ernster nehmen als in der Vergangenheit. Führung muss „gute Führung“, 4.0-taugliche Führung sozusagen, werden. Dazu zählen mindestens fünf Elemente:

  • Kontrollierter Kontrollverlust: die Bereitschaft der Vorgesetzten, beim Thema Arbeitszeit und Arbeitsort Kontrolle abzugeben. Was zählt, ist das Ergebnis.
  • Vorbildfunktion: Wer als Führungskraft keinen Raubbau an sich selbst und seiner Gesundheit betreibt, der regt seine Mitarbeiter zu einem ebenso nachhaltigen Umgang mit sich selbst an.
  • Klima der Wertschätzung: Wem Respekt entgegengebracht wird, der ist motivierter, produktiver und eher bereit für Veränderungen.
  • Netzwerkstrukturen statt klassischer Hierarchie: Gerade junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fordern eine Unternehmenskultur, die von flachen Hierarchien, Projektorientierung und Teamgeist geprägt ist.
  • Führen und Fordern: Das Mehr an Freiheit, das Beschäftigten künftig geboten wird, verlangt ihnen auch mehr Eigenverantwortung ab.

BAVC-Präsident Kai Beckmann und Ralf Sikorski, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE, waren sich erwartungsgemäß nicht in allen Punkten einig. Zwei zentrale Konsensbotschaften schrieben sie den Koordinierungsteams aber ins Stammbuch. Erstens: Sozialpartnerschaftlicher Dialog ist die Voraussetzung für eine gelingende Transformation der Chemie-Arbeitswelt. Zweitens: Bei aller Rede über „Industrie 4.0“ oder „Chemie 4.0“: Der Mensch bleibt im Mittelpunkt!

Hintergrundinformationen zum Dialogprozess WORK@industry4.0 der Chemie-Sozialpartner finden Sie unter www.work-industry40.de

 

Standpunkt
BAVC-Präsident Kai Beckmann


Die Gestaltung der künftigen Arbeitswelt ist entscheidend für die Zukunftssicherung unserer Industrie in Deutschland. Die Chemie-Sozialpartner sollten gemeinsam Instrumente bereitstellen, um künftige Unternehmensentscheidungen, die die Arbeitswelt 4.0 betreffen, konstruktiv zu begleiten. Ich denke an unsere Tarifverträge und Sozialpartner-Vereinbarungen, aber auch Umsetzungshilfen wie Leitfäden oder Checklisten. Wir brauchen eine gemeinsame Digitalstrategie der Chemie-Sozialpartner für das kommende Jahrzehnt. Lassen wir diese Gestaltungschance nicht ungenutzt!
 

BAVC-Präsident Beckmann hat „Vier Thesen für eine wünschenswerte Arbeitswelt 4.0“ formuliert. Diese können Sie auch in seinem Linked­In-Profil nachlesen. linkedin.com/in/kai-beckmann



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