Flexibilisierungen

Die Tarifparteien der chemischen Industrie haben in den letzten Jahren eine Reihe von Flexibilisierungen, Öffnungen und Optionen in den Chemie-Flächentarifverträgen verankert. Mit diesen Tarifreformen waren sie mehrfach Vorreiter. Inzwischen verfügen die Chemie-Unternehmen im Bedarfsfall tariflich über beträchtliche Kosten- und Arbeitszeitspielräume.

Die Chemie-Flexibilisierungen lassen sich im Wesentlichen in die zwei Bereiche Arbeitszeit und Tarifentgelt einteilen. Markante Beispiele sind der so genannte Arbeitszeitkorridor und der Entgeltkorridor. Nachfolgend ein Überblick über die Tarifmodernisierungen in der westdeutschen chemischen Industrie. Für die Tarifbezirke Berlin (Ost) und Ost (neue Bundesländer) gelten leicht abweichende Regelungen.
 

Bereich Arbeitszeit

  • Arbeitszeitkorridor
    Die tarifliche Regelarbeitszeit in der chemischen Industrie beträgt 37,5 Wochenstunden. Durch Vereinbarung auf betrieblicher Ebene kann für einzelne Betriebsteile oder größere Arbeitnehmergruppen eine längere oder kürzere Wochenarbeitszeit festgelegt werden. Hierfür steht ein Korridor zwischen 35 und 40 Wochenstunden zur Verfügung. Bezahlt werden die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden.
     
  • Verteilzeiträume
    Die festgelegte Wochenarbeitszeit muss nicht in jeder einzelnen Woche, sondern kann im Rahmen eines 'Verteilzeitraums' von bis zu 36 Monaten durchschnittlich erreicht werden. Bei starkem Arbeitsanfall kann also länger gearbeitet und dies in auftragsschwächeren Zeiten entsprechend ausgeglichen werden. Die tägliche Arbeitszeit kann hierbei bis zu zehn Stunden betragen.
     
  • Wochenendarbeit
    Auf Grundlage der Tarifvereinbarungen in der chemischen Industrie ist auch Samstagsarbeit möglich. In Schichtbetrieben kann darüber hinaus auch an Sonntagen gearbeitet werden. In vollkontinuierlich arbeitenden Betrieben sind dabei Sonntagsschichten von 12 Stunden zulässig. Generell ist in Schichtbetrieben bei Arbeitsbereitschaft eine tägliche Arbeitszeit bis zu 12 Stunden möglich.
     
  • Ausgleich von Mehrarbeit durch Freizeit
    Mehrarbeit - also Arbeitsstunden, die über die vereinbarte Wochenarbeitszeit hinausgehen und nicht im Rahmen eines Verteilzeitraumes (s.o.) ausgeglichen werden - wird gemäß Chemietarifvertrag nicht mehr bezahlt, sondern durch Freizeit ausgeglichen. Wenn der Zeitausgleich innerhalb eines Monats erfolgt, fällt auch kein Mehrarbeitszuschlag an. Dadurch gibt es in der Chemie praktisch keine bezahlten Überstunden mehr.
     
  • Option für Langzeitkonten ...
    In der Tarifrunde 2003 haben BAVC und IG BCE eine tarifliche Option zur Bildung von Langzeitkonten vereinbart. Sie können durch freiwillige Betriebsvereinbarung eingerichtet und für verschiedene Zwecke wie z. B. für Qualifizierung oder Freistellung vor der Altersrente genutzt werden. Als Langzeitkonten gelten Arbeitszeitkonten, die einen Verteilzeitraum von mehr als 12 Monaten umfassen. In solche Langzeitkonten können einfließen: Zeitguthaben gemäß den tariflichen Vorschriften, Altersfreizeiten, Mehrarbeit, Mehrarbeitzuschläge, Urlaubsansprüche, die über den gesetzlichen Anspruch hinausgehen, sowie bis zu 10 Prozent des jährlichen Tarifentgelts.
     
  • ... und Qualifizierung
    Parallel zu den Langzeitkonten haben BAVC und IG BCE eine Tarifoption zur Qualifizierung geschaffen. Sie kann für freiwillige Betriebsvereinbarungen über Qualifizierungsmaßnahmen genutzt werden. Als Qualifizierung gelten alle betriebsbezogenen und individuellen beruflichen Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen. Zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird dabei auch eine faire Kostenverteilung geregelt. Beide Tarifoptionen dienen der nachhaltigen Wettbewerbsfähigkeit der Chemie-Unternehmen und der Beschäftigungsfähigkeit der Chemie-Arbeitnehmer.
     
  • Altersteilzeit

    Der Altersteilzeittarifvertrag in der chemischen Industrie ermöglicht es Arbeitnehmern, ab dem 55. Lebensjahr ihre Arbeitszeit unter bestimmten Voraussetzungen für bis zu sechs Jahre um die Hälfte zu reduzieren. Neben der kontinuierlichen Arbeitszeithalbierung können Arbeitgeber und Arbeitnehmer das sogenannte 'Blockmodell' vereinbaren, bei dem die Altersteilzeit-Arbeitnehmer ihre Arbeit in der ersten Hälfte des Altersteilzeit-Arbeitsverhältisses leisten. Sie arbeiten dann beispielsweise 3 Jahre voll, um anschließend für weitere 3 Jahre freigestellt zu werden. Nach Beendigung der Altersteilzeit muss ein Anspruch auf eine Altersrente -ggf auch mit Abschlägen bestehen. Durch die zwischenzeitliche Anhebung des Rentenzugangsalters verschiebt sich der Beginn der Altersteilzeit nach hinten. Über den gesamten Zeitraum sind das Teilzeitarbeitsentgelt und die Rentenversicherungsbeiträge aufzustocken, das Entgelt beträgt mindestens 85 Prozent des Vollzeit-Nettoeinkommens. Mit dem Auslaufen der finanziellen Förderung der Altersteilzeit bei Wiederbesetzung des freiwerdenden Arbeitsplatzes durch die Agentur für Arbeit nach dem 31. Dezember 2009 tritt auch der Altersteilzeittarifvertrag der chemischen Industrie außer Kraft.
     

Bereich Tarifentgelt

  • Entgeltkorridor
    Auf betrieblicher Ebene kann mit Zustimmung der Tarifvertragsparteien vereinbart werden, dass die in den Flächentarifverträgen für die chemische Industrie festgelegten Tarifentgelte für alle Beschäftigten eines Betriebes um bis zu 10 Prozent abgesenkt werden, wenn dies aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit oder zum Erhalt des Standortes und/oder von Arbeitsplätzen erforderlich ist.
     
  • Tarifkonkurrierende Bereiche
    Der Tarifabschluss 2000 hat zusätzlich zum bestehenden Entgeltkorridor eine weitreichende Öffnungsklausel neu eingeführt. Sie gilt für Betriebe, deren tarifliche Arbeitsbedingungen wegen der Überschneidung ihrer Tätigkeiten mit dem Geltungsbereich der Flächentarifverträge anderer Branchen nicht mehr wettbewerbsfähig sind. In diesen Fällen können mit Zustimmung der Tarifvertragsparteien abweichende Tarifregelungen auf betrieblicher Ebene oder in firmenbezogenen Verbandstarifverträgen vereinbart werden.
     
  • Abgesenkte Einstiegstarife
    Für neu eingestellte Arbeitnehmer gelten in der chemischen Industrie so genannte 'Einstiegstarife'. So erhalten unbefristet eingestellte Arbeitnehmer und übernommene Ausgebildete im ersten Beschäftigungsjahr Bezüge in Höhe von 95 Prozent der sonst geltenden Tarifentgelte. Für neu eingestellte Langzeitarbeitslose gilt im ersten Jahr ein Satz von 90 Prozent.
     
  • Erfolgsabhängige Jahresleistung ...
    Die tarifliche Jahresleistung in der chemischen Industrie (13. tarifliches Monatsentgelt) kann bei tiefgreifenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit Zustimmung des Betriebsrates gekürzt, gestrichen oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Hierzu ist die Zustimmung der Tarifvertragsparteien erforderlich.
     
  • ... mit Optionsklausel
    Mit dem Tarifabschluss 2002 wurde eine neuartige Optionsklausel vereinbart. Durch sie ist es auf betrieblicher oder Unternehmensebene möglich, die Höhe der tariflichen Jahresleistung nach dem Prinzip 'Chance und Risiko' an die wirtschaftliche Situation zu koppeln. Anstelle der festen tariflichen Jahresleistung von 95 Prozent des tariflichen Monatsentgelts kann eine Bandbreite von 80 bis 125 Prozent vereinbart werden.
     
  • Entlastungen kombinierbar
    Die verschiedenen Flexibilisierungsmaßnahmen können weitgehend miteinander kombiniert werden. Die Unternehmen können dadurch innerhalb des Chemie-Flächentarifs je nach ihrer individuellen Situation beträchtliche Kostenentlastungen erreichen und ihre Betriebsabläufe effizient gestalten.
     
  • Tarifliche Altersvorsorge
    Die Mitarbeiter erhalten nach dem Tarifvertrag für die Altersversorgung einen Entgeltumwandlungsgrundbetrag von 478,57 € (ehemalige vermögenswirksame Leistungen) sowie die Chemietarifförderung von 134,98 €, so dass Vollzeitbeschäftigte jährlich 613,55 € in die Altersvorsorge investieren können, ohne netto einen Cent weniger zu haben. Laufende vwL-Verträge können noch zu Ende geführt werden. Eine Umstellung ist jedoch möglich. Wird darüber hinaus noch weiteres Entgelt in den Aufbau einer zusätzlichen Altersversorgung eingebracht, wird pro 100 € noch eine Zusatzförderung von 13 € gezahlt. Dies bedeutet eine weitere Förderung von 13 Prozent.


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